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Brigitte Kowanz, Christoph Weber »Geteilter Raum«

Ausstellungen

Brigitte Kowanz I Christoph Weber
»Geteilter Raum«
15 Oktober – 20 November, 2021

Geformtes Licht trifft auf gegossenen Beton, Sprache auf Form, mit Bedeutung aufgeladene Linien auf aufgebrochene Masse, immaterielle Strahlung auf harten Kunststein. Wenn man sich den Werken von Brigitte Kowanz und Christoph Weber zum ersten Mal nähert, könnte der Unterschied wohl kaum größer sein – und doch lässt diese Auswahl von Werken aus den letzten Jahren das Gemeinsame hervortreten. Der Dialog zwischen den beiden Kunstschaffenden in einem Raum führt zu überraschenden Beobachtungen und möglichen erkenntnisreichen Paradoxien.

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Brigitte Kowanz zählt zu Europas bedeutendsten Lichtkünstler:innen. In der Ausstellung zeigt sie zwei ihrer verspiegelten Kuben aus dem Jahr 2014 mit den Titeln Code sowie Space. An den Wänden hängen thx (2020) und 12igh20 (2021). Die Künstlerin reagiert auf den Ausstellungsraum mit präzisen Setzungen auf sprachlicher Ebene.

So führt sie mit der aktuellen Arbeit 12igh20 ihre Reihe selbstreferenzieller Lichtskulpturen weiter, ersetzte die Künstlerin doch Anfangs- und Endbuchstabe von „light“ durch deren Position im Alphabet. Aus „l“ wird 12 und aus „t“ 20, womit die Neonröhre das englische Wort für „Licht“ aber auch für „leicht“ oder „hell“ an die Wand schreibt. Signifikant und Signifikat, Bezeichnendes und Bezeichnetes fallen in eins, semiotisch gesprochen. Sprache wird Schrift wird Zeichnung wird Licht. Das Objekt erhellt im doppelten Wortsinn, zeigt auf sprachlicher, materieller wie auch metaphorischer Ebene an, was es ist. So entstehen vielschichtige Rückkoppelungsprozesse einander bestärkender Bedeutungen. Mit Hilfe verschiedener Lichttemperaturen und -nuancen macht Kowanz‘ immaterielles Material erlebbar – und verweist gleichzeitig auf die sprachliche Unschärfe des Begriffs „light“. Welches Licht, welche Leichtigkeit, welche Helligkeit ist gemeint, wenn Kowanz‘ Licht-Objekt 12igh20 schreibt?

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Christoph Webers wichtigstes Material hingegen ist Beton, dem er durch unterschiedliche Verarbeitungstechniken abwechslungsreiche Ausdrucksmodi abringt. Close Disclose (2020), aber auch not yet titled (2017) und Cast & Uncast (2019) zeigen deutlich, wie der Bildhauer mit Masse und Form experimentiert. Der Erfolg von Beton als Baustoff speist sich aus seiner Formbarkeit und Härte. Beide Qualitäten greift Christoph Weber auf, um sie gleichzeitig zu konterkarieren. Auf eine Plexiglasplatte gegossener Beton kann spiegelglatt erscheinen, während Risse und Brüche, die Weber während des Austrocknungsvorgangs mit Hilfe von Spannung und Schwerkraft in das Material hineinarbeitet bzw. entstehen lässt, einen Blick in das Innere der geschlossenen Formen ermöglicht. Das Aufbrechen des Betons lässt sich daher als Unterlaufen des Paradigmas von Festigkeit deuten.

Präzise Formgebung und durch Zufall Geformtes verbindet Weber in Close Disclose untrennbar in einem Objekt. Es verbindet eine glatte und eine raue Seite, an denen sich die scheinbar widersprechenden Qualitäten des Materials Beton offenbaren. Close Disclose verjüngt sich keilförmig nach oben, den präzisen Linien an den Seiten stellt Weber eine organische, fließende Linie an der Spitze gegenüber. Hier bildet das Material – genauer der Sand- bzw. Schotteranteil des Betons – Erhebungen an der Oberfläche, die im stärksten Gegensatz zur Glätte der anderen Seite stehen. Mit dem Titel gibt Christoph Weber einen Hinweis auf seine künstlerische Haltung, seine Einschluss- und Offenlegungsstrategie aber auch auf das Changieren seines Objekts zwischen konkreter Formung und lyrischem Fließenlassen des Materials.

Ähnliches – nämlich die Verbindung zweier unterschiedlicher Formmöglichkeiten – lässt sich für Cast & Uncast sagen: Räumlich getrennt, verbindet eine Linie zwei Elemente zu einer untrennbaren Einheit. Über eine Wand hinweg – und somit über die Ausstellungsfläche hinausführend, und eine Brücke in die benachbarte Ausstellung schlagend – sind zwei Betonelemente mit einem Seil verbunden, eines davon zeigt deutliche Spuren vom Einwirken der Schwerkraft auf das Objekt, während das andere in seiner geometrischen Form perfekt und dadurch scheinbar unangetastet bleibt. Masse und Volumen werden deutlich herausgearbeitet – und dennoch schweben beide Elemente über dem Boden, vom Künstler in einer paradoxen Geste durch die Wand gefädelt.

Collectors Agenda stellt erstmals Brigitte Kowanz und Christoph Weber gemeinsam aus. Das Zusammentreffen basiert auf der Beobachtung, dass sich beide einer minimalistischen, stark von der Materialität her gedachten Ausdrucksweise bedienen. Das Trennende beider Positionen fügt sich in diesem Dialog zum Erhellenden. Webers begrenzte, klar definierte Formen treffen auf Kowanz‘ schwingende Linien, deren entgrenztes „Material“ Licht sich im Raum ausdehnt und die Oberflächen der Skulpturen mit ihren Rissen und ihrer Glätte erst wahrnehmbar macht. Der „geteilte Raum“ spielt daher nicht auf eine Raumteilung im Sinne einer Trennung an, sondern ist mehr als „shared space“, als gemeinsam genutzter Raum zu verstehen. Doch denken die Künstler:innen nicht nur an den vermessbaren Raum, sondern lassen darüber hinaus einen Ideenraum entstehen. Wer in Brigitte Kowanz verspiegelte Kuben hineinschaut, wird in die Unendlichkeit blicken und sich mit einem Wort konfrontiert sehen. Wer Christoph Webers Skulpturen umrundet, findet Assoziationsmöglichkeiten über ihre haptischen Qualitäten, Materialeigenschaften und Formlösungen.

Das entgrenzte Kunstwerk, das erst durch die Interaktion des Publikums vollendet wird, verlangt nach einem Resonanzraum, in dem es verarbeitet und eingeordnet wird. In der Ausstellung Geteilter Raum öffnet sich ein paradoxales Spannungsfeld von Gegensätzen und Gemeinsamkeiten in Bezug auf Materialien und Konzepte, das imstande ist, diesen Resonanzraum zu füllen. Wie aus Dankbarkeit darüber steht an der Wand einfach nur leuchtend: „thx“.

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Mit freundlicher Unterstützung der repräsentierenden Galerien von Brigitte Kowanz und Christoph Weber – Galerie Krinzinger und Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder.

Text: Alexandra Matzner

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