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Michael Sailstorfer, Berlin

In the Studio

»Kunst war immer ein Grundnahrungsmittel für mich.«

Michael Sailstorfer gehört als Bildhauer und Objektkünstler zu den wichtigsten jungen Stimmen in der deutschen Kunstszene. Aufgewachsen ist Sailstorfer in einer Steinmetzfamilie. Seine Skulpturen und Installationen interagieren mit der Umwelt, formen Räume und dekonstruieren ihre eigene Materialität. Der Beginn seiner künstlerischen Karriere war von ungewöhnlichen Skulpturen in der Natur geprägt. Er entwickelte oft temporäre Objekte, die fremdartig in ihrer Umgebung wirkten. Oft geht es um transformative Prozesse, Zeitlichkeit und Auflösung.

Michael, dein Karriereweg sieht sehr geradlinig aus. Wolltest du schon in deiner Kindheit Künstler werden?
Nein, damals habe ich nicht darüber nachgedacht. Das kam eigentlich erst im Teenager-Alter, als ich das interessant fand. Ich habe mit sechzehn Jahren angefangen, die ersten Zeichnungen und Bilder zu machen, und dann hat sich der Wunsch immer mehr verfestigt. In meiner Kindheit habe ich gerne Sachen gebaut oder hatte viele kreative Ideen und wollte die dann umsetzen. Ich hatte den Vorteil, dass mein Papa einen Handwerksbetrieb, also genauer gesagt, einen Steinmetzbetrieb hatte. Als Kind konnte ich viel basteln. Und das habe ich schon gemacht, solang ich denken kann.

Du hast es schon angedeutet, dein Vater hatte einen Steinmetzbetrieb und war Bildhauer. Welchen Einfluss hatte er auf deine künstlerische Arbeit und Karriere?
Mein Papa hatte einen klassischen Steinmetzbetrieb. Nach seiner Steinmetzmeisterprüfung hat er allerdings auch Kunst studiert an der Kunstakademie. Er hat eine richtige Kunstausbildung genossen. Und es war insofern wichtig, weil die bildende Kunst in meiner Familie immer einen wichtigen Stellenwert hatte. Ich durfte von klein auf große Kunstausstellungen anschauen. Wir waren oft im Museum, sind nach Venedig zur Biennale gefahren, zur documenta nach Kassel oder zu den Skulptur Projekten nach Münster. Und es sind immer viele Künstlerfreunde meines Vaters bei uns ein und aus gegangen. Das war ein ganz selbstverständlicher Aspekt meines Lebens. Und der hat mich immer begleitet.

Und 1999 bist du dann selbst auf die Kunstakademie nach München gegangen, nicht wahr?
Genau, ich habe 1999 an der Kunstakademie angefangen zu studieren.

Und wie kam es zu dieser Entscheidung, Kunst akademisch zu studieren, dass du Kunst zu deinem Beruf machen wirst?
Ich fand es spannend. Kunst war halt immer so ein Grundnahrungsmittel für mich. Die Kunst und die Museumsbesuche, die Beschäftigung damit, und das habe ich seit meinem sechzehnten Lebensjahr eigentlich so bewusst und so intensiv betrieben und bin dann auch immer alleine zu den Messen gefahren und hab mir viel angeguckt. Wenn ich mit meinen Freunden im Urlaub war, habe ich mir eigentlich immer die ganzen Museen angesehen. Das hat mir gutgetan, mir Ruhe und Erdung gegeben. So ist der Wunsch gereift, dass ich mich intensiver mit diesen Themen und mit mir selbst auseinandersetze. Ich wusste schon damals natürlich, dass das eine Entscheidung fürs Leben ist. Eine nicht ganz einfache Entscheidung, weil es schwierig ist, seinen Lebensunterhalt damit zu bestreiten. Ich habe mit meinen Eltern einen Deal gemacht, dass ich erst einmal mit dem Studium starte und wenn dann kein Land in Sicht ist, ich noch einmal etwas anderes mache. Und dann hat es sich aber ganz gut entwickelt.

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Welche Künstler hatten besonders in deiner Anfangsphase einen Einfluss auf dich, welche Künstler haben dich inspiriert?
Das wechselt immer ein bisschen mit dem eigenen Erleben, dem eigenen Gefühl, mit dem man durch die Welt geht. Wenn ich mich so zurückversetze in die Zeit meines Studiums, war zum Beispiel anfangs Gordon Matta-Clark sehr wichtig: die Dekonstruktion von Architektur. Auch sein gewisser Witz, Slapstick und Humor. Das fand ich immer sehr wichtig. Beuys war bedeutsam für mich, Material mit einer bestimmten Symbolik zu verwenden und diese auch Teil der künstlerischen Sprache werden zu lassen. Mike Kelley. Das Persönliche in den Mittelpunkt stellen, auch wenn es Fiktion ist. Dass man so eine Geschichte ums Werk aufbaut, das fand ich interessant. Eigentlich hat mich aber vieles beeinflusst. Ich habe mir so viel angesehen in den ersten Jahren des Studiums. Ich saß vor allem in der Bibliothek und habe mich mit Künstlern auseinandergesetzt, viel mehr, als ich in dieser Phase selbst Kunst gemacht habe.

Viele Künstler deiner Generation flüchten sich immer mehr in die Immaterialität, entwickeln eher Performances oder Installationen. Wie ist dein Stil entstanden? Wieso hast du das Gegensätzliche, die Materialität, die Skulptur, zu deinem Medium gemacht?
Ich glaube, das lag daran, weil es mir von Anfang an so vertraut war. Weil ich so aufgewachsen bin. Das kam ganz von selbst, mit den Händen zu denken und erst mal Dinge einfach zu machen. Ich hatte immer das Gefühl, dass mir das am meisten entspricht. Ich habe wenig versucht, zu erfinden oder zu planen. Ich habe es tatsächlich einfach so gemacht, wie es sich natürlich entwickelt hat. Aber ich verstehe auch absolut diesen immer stärkeren Drang zur Immaterialität und ich kämpfe selbst mit mir und schaue mir das an. Ich meine, wahrscheinlich geht es auch in meiner Arbeit um die Auflösung und um das Vergängliche. Auch hier bei den Salzzähnen für die die Ausstellung Studio Berlin im Berghain. Man bearbeitet diese Materialien in einem sehr traditionellen alten Verfahren, aber zugleich stecken da der Verfall und die Auflösung des Objekts auch mit drin.

Welche Arbeiten würdest du als besonders wichtig in deinem künstlerischen Schaffen einschätzen?
Das ändert sich immer. Es liegt oft daran, wie ich mich persönlich entwickle. Aber die erste Arbeit, die ich an der Kunstakademie gemacht habe, war die Arbeit Waldputz. Ich habe ein Stück Waldboden bearbeitet. Den Boden gereinigt, die Bäume geputzt. Und eigentlich geht es darin auch um die vorhin genannte Thematik. Man fügt nichts Neues, Materielles hinzu, sondern man nimmt was Vorhandenes aus der Umgebung, aus der Natur, und schafft eine Arbeit durch das Wegnehmen von Materialien. Durch einen unnatürlichen Eingriff in den natürlichen Raum entsteht eine Skulptur. Oder eigentlich sogar irgendwie eine Bühne, die für eine bestimmte Performance der Natur steht. Nämlich die Natur selbst, die sich den Raum zurückerobert.

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Als eine deiner bekanntesten Arbeiten wird sehr oft Zeit ist keine Autobahn von 2005 genannt. Wie entstand die Idee zu dieser Arbeit?
Ich hatte zu der Zeit ein Stipendium in Los Angeles an der Villa Aurora. Und auf den Highways steht man permanent im Stau. Ich bin ungeduldig und habe Hummeln im Hintern. Ich wollte, dass es möglichst schnell weitergeht. Dann ist mir im Stau eine Sache aus meiner Kindheit eingefallen. Mit fünf Jahren habe ich die Kufen von meinem Schlitten abgeschliffen. Ich saß immer im Keller bei meinen Eltern, wollte Schlitten fahren gehen, aber meine Kufen waren total verrostet. Dann habe ich mir in der Werkstatt Schleifpapier geholt und habe diese Kufen geschliffen, sodass die wieder blank wurden. Dabei ist der Rost auf den Boden gerieselt. Beim Akt des Schleifens – die monotone Bewegung, das Rieseln – wurde mir erstmals bewusst, wie vergänglich alles ist, wie die Zeit vergeht. Und dieser Moment ist mir in L.A. im Stau wieder eingefallen. Wie kann ich diesen Moment mit dem Material, was mich in dieser Autostadt umgibt, wiederholen? So ist die Arbeit entstanden.

War deine Zeit in der Villa Aurora sehr prägend?
Es war schon eine sehr wichtige Zeit. Ich habe 2005 meinen Abschluss an der Kunsthochschule gemacht. Ich wollte was, bin dahin gegangen und hab dann eigentlich drei bis vier Monate nur experimentiert und Dinge ausprobiert. Ich habe in dieser Zeit viele Arbeiten gemacht. Ich habe viele Modelle gebaut, relativ viel skizziert, geschrieben und gezeichnet. Ich habe beispielsweise die Idee gehabt und den Plan für die Arbeit Cast of the surface of the dark side of the moon angefertigt. Dann habe ich den Hohen Besuch gemacht, der jetzt im Skulpturenpark in Köln steht. Im Modell natürlich. Außerdem habe ich eine große Arbeit für Salzburg entworfen und eine Ausstellung für Jack Hanley in Chinatown L.A. vorbereitet. Ich bin auf Alcatraz bei San Francisco gewesen. Da habe ich eine Fotoarbeit realisiert, mit diesen Masken, die Häftlinge als Attrappen zurückgelassen hatten. Und ich habe ein Schlagzeug gebaut, aus einem Polizeiauto. Es war schon produktiv. Man hatte da das Gefühl, dass alles möglich scheint, dass man alles machen kann, was man möchte. Die Filmindustrie: Dass alles Ungewöhnliche akzeptiert wird und möglich ist, das war inspirierend.

Kannst du uns kurz einmal erklären, wie der künstlerische Prozess für ein Werk bei dir abläuft, wie du von einer Idee zu einer fertigen Skulptur kommst?
Der Prozess ist nie gleich. Es gibt da keine einheitliche Linie. Meistens ist es die Beschäftigung mit einer Thematik, die mir auf den Fersen sitzt. Dann lese ich darüber, beschäftige mich damit, hab ein Grundgefühl dazu. Ich sehe verschiedene Dinge, die mich umgeben, und habe eine Idee. Es ist oft ein Jonglieren mit alltäglichen Dingen und dem Grundvokabular, mit dem ich mich beschäftige. Und dann entstehen meistens Bilder, die ich schließlich als Skulpturen umsetze.

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An welchen Projekten arbeitest du im Moment?
Ich kann immer am besten über die fertigen Sachen sprechen, beispielsweise die Salzzähne. Das war eine sehr wichtige Arbeit für mich, die jetzt in der Ausstellung Studio Berlin zu sehen ist. Sie besteht aus zweiunddreißig Zähnen, eigentlich mein gesamtes Gebiss. Jeder Zahn ist dreißig bis fünfunddreißig Zentimeter lang, und die sind aus Steinsalz gemeißelt, aus großen Salzblöcken. Die Transformation war mir dabei sehr wichtig. In ganz vielen meiner Arbeiten geht es um transformative Prozesse, die Zeitlichkeit, die Auflösung. Zu den Zähnen bin ich gekommen, weil in den Zähnen selbst schon so viel Zeitlichkeit steckt. Die Transformation, die im Körper stattfindet, denn die Zähne wachsen erst einmal im Kindesalter, dann kommen die zweiten Zähne. Die Zähne sind auch oft der Spiegel des Verfallsprozesses des Körpers, wenn man älter wird. Jeder Zahn sitzt außerdem auf einem bestimmten Meridian des Körpers. Funktioniert der Zahn nicht, können sich bestimmte Krankheiten entwickeln. Ich fand all die Momente interessant, die beim Machen der Zähne aus Salz entstanden sind. Die Auflösung, das Surreale und das Unterbewusste. Die Träume von Zähnen, die ausfallen. Die Momente fand ich gut. Es ist spannend, dass die Zähne jetzt in einem Club liegen, einem Ort, der selbst auch für die Momente des Unterbewusstseins, der Nacht, steht.

Die Dekonstruktion von Zeit und Raum spielt eine wichtige Rolle bei dir. Du hast in einigen Interviews vom Begriff der „Agency“ gesprochen, dass sich Kausalitäten umkehren sollen in deinen Skulpturen?
Du meinst, dass es so einen Kontrast gibt, der aufgemacht wird? Ja, das ist eine Herangehensweise. Ich habe die ersten Skulpturen gemacht, als ich Student war und noch nicht die Möglichkeit hatte, in einer Galerie auszustellen. Da habe ich einfach die Natur und das äußere Umfeld genutzt, um sie als Projektionsfläche meiner Skulpturen zu verwenden. Eine geometrische Fläche, um den Kontrast zur Natur aufzumachen. Und dann kamen die ersten Einladungen zu Ausstellungen und damit auch neue Anforderungen. Wie behauptet sich die Skulptur im Ausstellungsraum? Da habe ich eigentlich Arbeiten gemacht, wie beispielsweise Zeit ist keine Autobahn, in denen die Skulptur ein bestimmtes Eigenleben hat und sich beispielsweise über den Geruch ausbreitet. Also eine kleine Skulptur, die einen großen Raum über ihren Geruch ausfüllen kann. Den Raum, wo die Arbeit gezeigt wird, muss man im Grunde immer mitdenken. Und immer einen Gegensatz aufmachen, wo sich die Skulptur behaupten kann.

Gerade in deiner Anfangsphase hast du die Natur sehr in deinen Arbeiten in den Mittelpunkt gestellt, beispielsweise in Arbeiten wie Hauptweg und Nebenwege oder Wohnen mit Verkehrsanbindung. Welche Botschaften wolltest du damit vermitteln?
Man kann es nicht so pauschal sagen. In dieser frühen Zeit ging es mir auch stark um die Frage, wo man sich so niederlässt, wo man sich selbst verortet. Es ging darum, sich einen eigenen Ort zu schaffen. Das war der Grund, warum ich Wohnen mit Verkehrsanbindung gemacht habe. Diese Bushäuser als Schutzort, gleichzeitig will man dort nicht immer permanent sein. Man ist angeschlossen an eine Stadt, über die Buslinie. Eigentlich ging es mir dabei um die Wechselwirkung zwischen Urbanität und dem Ländlichen, dass man dort, wo man ist, sich eigentlich nie so richtig wohlfühlt, sich immer in das andere träumt. Darum geht es in der Arbeit. Hauptweg und Nebenwege ist viel später entstanden. 2010 war ich in einer künstlerischen Krise. Ich wusste nicht genau, ob vor oder zurück. Ich hatte aber trotzdem relativ viele Ausstellungen zu dieser Zeit. Dann habe ich gesagt, was machst du jetzt. Ich spiegele jetzt genau das wider, die Weggabelung, an der ich mich befinde.

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Du hattest einmal eine künstlerische Krise?
Immer wieder. Ich glaub, das gehört auch einfach dazu. Es gibt immer Lücken, wo man zwischen zwei Werkgruppen steht, wo man denkt, jetzt müsste ich eigentlich einatmen und bräuchte ein bisschen Zeit für mich selbst. Man braucht Input. Ich habe oft das Grundgefühl für das nächste Werk, aber man braucht Distanz, um sich Klarheit zu verschaffen. Hauptweg und Nebenwege steht für diesen Übergang. Ich geriet in eine neue Werkgruppe, aber musste ausatmen, um die zu finden. Die Arbeit war eine Projektion dieser Situation.

Welche Ausstellungen haben dir am meisten bedeutet, dich geprägt und vorangebracht?
Die Schauen, die ich bei KÖNIG gemacht habe. Das ist meine Homebase. Ich will dort auch immer das Größte, Innovativste und Wichtigste zeigen. Beispielsweise Hitzefrei war eine extrem wichtige Schau für mich, weil ich da auch gesehen habe, was skulptural möglich ist. Die Ausstellungen bei KÖNIG sind immer ein Experiment, wo etwas Neues passiert. Aber auch frühe Ausstellungen waren entscheidend. Eine meiner ersten Ausstellungen war im Lenbachhaus in München 2002. Das war eine Außenskulptur mit dem Titel Und sie bewegt sich doch. Da war ich im 6. Semester an der Akademie und bekam die Anfrage. Das Lenbachhaus hatte einfach eine Lücke. Das war eine große Sache, sozusagen der Start meiner Karriere. In dieser Zeit ist auch der Kontakt zu KÖNIG entstanden.

Was wünschst du dir für deine künstlerische Zukunft? Welche Projekte stehen an?
Es gibt gerade ein paar Projekte. Ich mache im Januar 2021 wieder eine Ausstellung in Kopenhagen. Es gibt da eine Gruppe von neuen Arbeiten. Ich bereite eine Show in Mexico City für April vor. Was mich immer am meisten fasziniert, das ist aber was ganz anderes: Wenn man sich mit einer Thematik beschäftigt, die einem wichtig ist, und dann das Bild für eine neue Arbeit im Kopf hat. Wenn man merkt, dass etwas künstlerisch funktioniert. Dieses bewusste Gefühl für eine gute neue Sache, die im Studio entsteht, ist fantastisch.

Cast of the surface of the dark side of the moon, 2005, Fiberglas, Theaterlampen, 100,00 × 500,00 × 500,00 cm

35, 2020, Salz, 13,5 × 35 × 15,5 cm, Foto: Roman März

Zeit ist keine Autobahn - Frankfurt, 2008, Reifen, Eisen, Elektromotor, 80,00 × 65,00 × 95,00 cm

Waldputz, 2000, Cibachrome, gerahmt, 30 × 45 cm

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